Folksonomy

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Unter „Folksonomy“ oder zu Deutsch „Gemeinschaftlichen Indexieren“ versteht man einen verteilten, kollaborativen Ansatz, um digitale Informationselemente mittels Schlagworten (Tags) zu kategorisieren. Tagging bezeichnet das Benennen oder Beschlagworten von Objekten, wie zum Beispiel Bookmarks, Bildern oder Zitaten, mit – im Fall von Free Tagging frei gewählten – Wörtern, die die Objekte umschreiben. Die beschreibenden Wörter werden subjektiv vom Benutzer gewählt und zwar so, dass die Objekte für ihn bestmöglich beschrieben werden. Ziel ist es die Objekte anhand seiner definierten Tags wiederzufinden. Mehrere Tags können zusammen als Wortwolke (TagCloud) visualisiert werden.

Folksonomy ist eine Wortneuschöpfung, die sich aus „Folks“ (englisch für Leute) und „nomos (griechisch für Verwaltung) zusammensetzt. Der Begriff steht für einen basisdemokratischen Ansatz und grenzt sich bewusst zu „Taxonomie“ (taxis, griechisch für Klassifizierung) ab, einer strukturierten Hierarchisierung. Häufig wird das Wesen einer Folksonomy auch so beschrieben, dass Menschen im digitalen Raum nicht mehr ordnen („filers“ = Ableger), sondern suchen („pilers“ = Stapler).


Beispiel einer Wortwolke

Anwendung

Hauptsächlich findet die Folksonomy ihre Anwendung auf Internetseiten. Gerne bedient man sich der grafischen Darstellung einer Wortwolke(Tagcloud) bei der die populärsten Schlagwörter typographisch am größten dargestellt werden.

Zum Beispiel ist eine kurze Inhaltsangabe eines Buches sehr wertvoll, wenn man schon einen engeren Kreis von Büchern zur Auswahl hat, aber um sich aus der Menge aller Bücher die für sich persönlich interessanten auszusuchen, ist es hilfreicher, wenn man zuerst nach Kategorien, zum Beispiel bekannten Genres, wie „Horror“, „Krimi“, „Komödie“ und ähnlichem wählen kann. Nun fallen aber nicht alle Werke in genau eine dieser Kategorien. Deshalb gibt es auch Zwischenkategorien, wie „Krimikomödie“ oder „Liebesdrama“. Wenn ein Buch aber in mehr als zwei Kategorien fällt, ist es mit der genauen Einteilung zu Ende. Begriffe wie „Liebeskrimikomödie“ werden schon sehr unhandlich. Mit Tags hingegen besteht die Möglichkeit, einem Objekt beliebig viele Attribute zuzuordnen. Dem letztgenannten Beispiel könnte man ohne weiteres die Tags „Romanze“, „Krimi“ und „Komödie“ zuordnen um das Buch so genauer zu charakterisieren.

Um Informationselemente einfacher aufzufinden, ergänzt man sie also um Zusatzdaten, so genannte Meta-Informationen (Informationen über Informationen). Für ein Bild sind dies etwa der Aufnahmeort, das Aufnahmedatum, der Name des Fotografen, die abgebildeten Motive oder subjektive Stimmungsinformationen. Je nach Aspekt sind verschiedene Methoden der Beschreibung und der Vergabe von Kategorien möglich.

Entstehung und Ursprung

Die Entstehung des Wortes Folksonomy wird auf Thomas Vander Wal zurückgeführt. Zum ersten Mal wurde es 2003 auf der Internetseite del.icio.us angewandt. DasWort Folksonomy setzt sich aus den Wörtern „Folk“ – Volk, Menschen – und „nomia“ – Management – zusammen. Folksonomy bedeutet also in etwa von Menschen gemachtes Management.

Thomas Vander Wal hat Folksonomy wie folgt beschrieben: "Folksonomy is the result of personal free tagging of information and objects (anything with a URL) for one’s own retrival. The tagging is done in a social environment (shared and open to others). The act of tagging is done by the person consuming the information. The value in this external tagging is derived from people using their own vocabulary and adding explicit meaning, which may come from inferred understanding of the information/object as well as. The people are not so much categorizing as providing a means to connect items and to provide their meaning in their own understanding."


Formen

Breite Folksonomy

Breite Folksonomy

Eine Person erzeugt ein Objekt und macht es der Öffentlichkeit zugänglich. Verschiedene Benutzer können nun diesem Objekt Tags hinzufügen und nutzen diese. Man kann dann die Tags auswerten mit der sogenannten Power Curve. Diese zeigt dann eine Statistik an welcher Tag wie oft vergeben wurde. In den meisten Fällen sieht man einen hohen Anteil bei den ersten drei bis vier Tags und dann gibt es viele Tags die nur von einer einzelnen Person vergeben wurde. Dadurch entstehen auch die sogenannten TagClouds mit den meist gesuchten Tags.

Schmale Folksonomy

Schmale Folksonomy

Eine Person erzeugt ein Objekt und ordnet diesem auch gleich einen oder mehrere Tags zu. Über diese Tags kann das Objekt gefunden werden, allerdings fügen nur wenige oder gar keine Benutzer zusätzliche Tags hinzu. Man kann so also nicht erkennen wie andere Benutzer das Objekt benennen würden. Die schmale Folksonomy wird vor allem für Objekte genutzt, die nicht mit einfacher Textsuche gefunden werden können, wie Beispielsweise Bilder, Musik und Screencasts.



Vorteile

Jeder Benutzer kann seinen Teil zur Verschlagwortung beitragen. Zum einen verteilt sich somit der Kategoriersierungsaufwand auf viele Schultern, zum anderen werden bessere Suchergebnisse erzielt, wenn die Objekte von denjenigen kategorisiert werden, die diese Schlagwortsuche dann auch benutzen. Weiterer Vorteil ist es die eigene Schlagwortsammlung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Eine sachlichere Begründung, weshalb eine Folksonomy im Vorteil sein kann, erhält man, wenn man den Prozess der Informationssuche durch User betrachtet. Sie formulieren dieselben Informationsbedürfnisse unterschiedlich: „Kälteschutz von Eskimos“ oder „Wie schützen sich Inuits gegen Kälte“. Das gilt auch für Begriffe mit unterschiedlicher Bedeutung wie „der Läufer“, Synonyme wie „billig“ und „günstig“ oder grammatikalische Wortbeugungen wie „schwarz“ und „schwarzes“. Eine Folksonomy bietet dafür einen inhärenten Lösungsansatz: Mit wachsender Anzahl von Tags sollte die Vielfalt der Suchbedürfnisse durch die Vielfalt der User, die Schlagworte vergeben, abgedeckt sein. Folksonomies erfordern kein Spezialwissen Ein Effekt von Folksonomies ist, dass Meta-Daten schnell und meist in grosser Menge entstehen. Das liegt daran, dass alle User, die ein Tag anbringen möchten – und sei es nur für das eigene Auffinden – dies problemlos können: Der User muss kein Spezialist sein, der mit einer bestehenden Klassifikation vertraut ist und das Informationselement darin einordnen muss. Im Gegenteil: Tagging ist kognitiv sehr einfach, der User muss nur seine persönliche Einschätzung zum Informationselement ausdrücken.


Nachteile

Als Hauptkritikpunkt führen Folksonomy-Gegner an, dass es sich um ein chaotisches Verfahren handelt: Ein einzelner Tag ist nicht Teil einer vorgegebenen Hierarchie, das Vokabular ist nicht kontrolliert, typischerweise werden Gross- und Kleinschreibung gleichgesetzt und Wortbeugungen nicht berücksichtigt. All dies führt zur Vervielfachung der Schlagworte und somit zu Lärm anstelle einer klaren Struktur Aufgrund der neuartigen Technik fehlt bei der Folksonomy eine etablierte Methode des gemeinschaftlichen Indexierens. Es gibt keine Richtlinie welche Schlagwörter zu verwenden sind und welche nicht. Durch die freie Auswahl der Schlagwörter kann es zu Problemen kommen. Beispiel hierfür ist wenn ein Benutzer das Singular(Beispiel: Buch) benutzt und ein anderer das Schlagwort in Plural Form (Bücher) verwendet. Hinzu kommen auf noch die sprachlichen Unterschiede. Ein weiterer Nachteil ist die Problematik die durch Homonyme entsteht. Das sind Begriffe die für verschiedene Konzepte stehen können und man so die genaue Bedeutung des Schlagwortes nur in einem Kontext eindeutig verstehen kann. Beispiel hierfür ist das Wort „apple“ was im englischen Sprachgebrauch einen Apfel darstellt, jedoch auch für die Firma Apple gelten könnte, sowie auch die Stadt New York die man auch als Big Apple bezeichnet.


Vergleich Folksonomy mit Ontologie

Dadurch das Folksonomy oftmals mit Taxonomien in Verbindung gebracht wird (durch eine fehlerhafte Ableitung des Wortes), werden Folksonomien oftmals mit Ontologien verglichen. Diese zeichnen sich aber besonders durch ihre hierarchische Struktur ab und wird meist zu einem fachkundigen Experten zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dadurch erhält man eine Synonym-kontrollierte, zentralisierte, autoritäre Sicht, die sich besonders für physikalische Gegenstände eignet. Währendessen die Folksonomy durch eine flache Menge an Tags mit ihren Vorteilen für die digitale, flexible Welt geeignet ist.


Literatur

  • Sascha A. Carlin: Schlagwortvergabe durch Nutzende (Tagging) als Hilfsmittel zur Suche im Web. Ansatz, Modelle, Realisierungen. August 2006 ([1])
  • Scott Golder, Bernardo A. Huberman: The Structure of Collaborative Tagging Systems. August 2005. [2]
  • Marieke Guy, Emma Tonkin: Folksonomies – Tidying up Tags?. D-Lib Magazine 12, 1, 2006 [3]
  • Markus Heckner, Susanne Mühlbacher, Christian Wolff: "Tagging tagging. Analysing user keywords in scientific bibliography management systems". Journal of Digital Information 27, 9, 2008 [4]
  • Isabella Peters, Wolfgang G. Stock: Folksonomies in Wissensrepräsentation und Information Retrieval. März 2008 ([6])
  • Clay Shirky: Ontology is Overrated: Categories, Links, and Tags. Mai 2005. [7]
  • Jakob Voss: Tagging, Folksonomy & Co - Renaissance of Manual Indexing?. Januar 2007 [8]
  • Jakob Voss: Collaborative thesaurus tagging the Wikipedia way. April 2006 [9]
  • Birgit Gaiser, Thorsten Hampel, Stefanie Panke: Good Tags - Bad Tags: Social Tagging in der Wissensorganisation, Waxmann, 2008, Tagungsband, Workshop der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft (GMW) im Tübinger Institut für Wissensmedien (IWM), ISBN 978-3830920397


Weblinks

Artikel in der Computerwoche

Diplomarbeit über Folksonomy

Eintrag im englischen Wikipedia

Wiki-Artikel über Ontologien